http://www.rundschau-online.de/rhein-berg/inklusion-in-kuerten-die-gehoerlose-paulina-sieht--was-andere-hoeren,16064474,33049998.html vom 03.01.2016

INKLUSION IN KÜRTENDie gehörlose Paulina sieht, was andere hören

Die gehörlose Paulina besucht die siebte Klasse der Kürtener Gesamtschule. Immer mit dabei: eine Gebärdendolmetscherin, die Paulina zeigt, was ihre Schulkameraden hören.  VonStephanie Peine

Kürten

Für Paulina ist es immer ganz still in der Klasse. Auch wenn der Geräuschpegel steigt und es laut zugeht. Denn Paulina ist gehörlos. Von Geburt an. Anders als ihre drei Schwestern hört die 13-Jährige nichts. Trotzdem sitzt das zierliche blonde Mädchen täglich gemeinsam mit ihren hörenden Schulkameraden in der siebten Klasse der Kürtener Gesamtschule. Ihr gegenüber eine Gebärdendolmetscherin, die für sie übersetzt, damit ihre Augen erfassen, was andere mit den Ohren aufnehmen. Das sei für Paulina mitunter sehr anstrengend, für ihre Mitschüler und Lehrer inzwischen Normalität – und für die ganze Klasse ein Gewinn, meint Schulleiter Klaus Schröder.

 

„Für die Schule ist es zunächst eine große Herausforderung gewesen“, sagt Elke Giebisch, Sonderpädagogin und Klassenlehrerin der 7a. Vor Paulinas Einschulung war an der Regelschule noch keine gehörlose Schülerin unterrichtet worden, Erfahrungen fehlten also. Daher hatten sich alle beteiligten Pädagogen in der letzten Ferienwoche zusammengesetzt, um zu besprechen, was sich im Unterricht ändern muss, wenn einer der Schüler nicht hören kann, was der Lehrer sagt. „Besonders die Sportlehrer hatten zunächst Bedenken, dass es gefährlich werden könnte, wenn Paulina die Kommandos nicht hört“, erinnert sich Elke Giebisch. Etwa die Trillerpfeife beim Ballspiel oder Kommandos beim Laufen. Jetzt, zwei Jahre später, hätten sich diese Sorgen gelegt und die Akzeptanz für Inklusion sei gewachsen, sagt Sylvia Mohr, die didaktische Leiterin.

„Hier darf Paulina sein, wie sie ist: gehörlos, aber ein normales Mädchen.“

Mutter Bettina Willm

Dass Paulina eine Regelschule besuchen kann, ist ihren Eltern sehr wichtig. Sie wollen sie bestmöglich auf das Leben vorbereiten, und glauben, dass dies an einer Regelschule besser gelingt, als „im geschützten Raum“ einer Förderschule.
„Warum sollte ein Kind aus dem Sozialverband herausgelöst werden, in dem es sich bis zum Schuleintritt gut entwickelt und wohlgefühlt hat?“, meint ihre Mutter Bettina Willm. „Es wäre eine Ausgrenzung gewesen.“ Und so besuchte Pauline nach dem Kindergarten die örtliche Grundschule und wechselte dann auf die Gesamtschule. Mit dabei immer ein Gebärdendolmetscher, der nicht nur in Deutsch, Mathe und Englisch auf dem Laufenden, sondern auch noch fit sein sollte. „Im Sportunterricht muss er schon mal mitlaufen“, sagt Giebisch lächelnd.

Der Aufwand für das Ziel des gemeinsamen Lernens ist erheblich: etwa 40 der rund 1100 Schüler an der Gesamtschule sind Inklusionsschüler. Die meisten mit dem Förderbedarf Lernen oder emotionale Entwicklung. Nur drei Kinder sind körperbehindert. Insgesamt kann die Schule zusätzlich nur zwei Sonderpädagoginnen einsetzen. „Pro Förderschüler stehen den Sonderpädagogen somit nur ein bis zwei Stunden je Woche zur Verfügung“, hat Giebisch ausgerechnet. Hinzu kommen normale Unterrichtsaufgaben und die Aufgaben als Klassenlehrerin.

 

Problematisch ist auch die Raumsituation. Es fehlt an Differenzierungsräumen zur individuellen Förderung, und in den Klassenzimmern wird es schon mal eng: Lehrer, Schüler, Inklusionshelfer, Sonderpädagogin, – in manchen Stunden sind drei bis vier Erwachsene zusätzlich im Raum, dazu Hilfsgeräte wie Projektoren, gegebenenfalls auch schon mal ein Rollstuhl oder, wie im Fall von Paulina, die gesamte Technik für das computergestützte Sprachsystem Verba Voice.
Paulina hat gerade Englischunterricht und steht an der Tafel. „Sommer an der See“ ist das Thema, und das Mädchen erzählt – auf ihre Weise. Doch anders als etwa im Deutschunterricht, wo zwei anwesende Dolmetscher die Gebärden für die Klasse und deren Beiträge übersetzen würden, ist hier über Verba Voice in München noch ein Schriftdolmetscher zugeschaltet. Er hört den Unterricht über Mikrofon mit und übersetzt das gesprochene Wort von Lehrerin und Schülern – mit zeitlicher Verzögerung – in englische Schriftsprache, die auf dem Computer des Mädchens erscheint. „So lernt Paulina zwar nicht die englische Laut-, wohl aber die englische Schriftsprache“, erklärt Elke Giebisch.

90 Prozent der Eltern können hören
 

Als gehörlos werden Menschen bezeichnet, deren Fähigkeit zu hören komplett oder weitgehend fehlt. Etwa 98 Prozent der Betroffenen verfügen über ein Restgehör. Die Gehörlosigkeit kann angeboren oder erworben sein. Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Gehörlose und Schwerhörige in Deutschland leben, existieren nicht. Der Deutsche Gehörlosenbund geht davon aus, dass etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung in Industrienationen von Gehörlosigkeit betroffen sind. Dies entspräche rund 80 000 Menschen. Andere Statistiken verzeichnen nur 50 000 Betroffene.

Etwa 90 Prozent der tauben Kinder haben Eltern, die hören können. Die früher gebräuchliche Bezeichnung „taubstumm“ wird von gehörlosen Menschen als diskriminierend empfunden, zumal sie mittels Gebärden- oder Lautsprache durchaus kommunizieren können. Lange Zeit war im deutschsprachigen Raum Standart, dass die betroffenen Kinder in einer Sonderschule für Gehörlose, beziehungsweise in einer Schule für Schwerhörige unterrichtet wurden. Um die Jahrtausendwende existierten rund 60 Sonderschulen mit diesem Förderschwerpunkt in Deutschland. Als größte gilt aktuell das Rheinisch-Westfälische Berufskolleg Essen mit rund 1000 Schülern.

Mit zunehmenden Bemühungen, die Forderungen der Inklusion umzusetzen, wechselten auch immer mehr hörgeschädigte Kinder an Regelschulen. Entstehende Kosten übernimmt der Schulträger, also im vorliegenden Fall die Gemeinde Kürten. Hierfür zahlt das Land eine Pauschale von 15 000 Euro pro Kind und Schullaufbahn. Weitere Kosten, etwa für die Gebärdendolmetscher, werden von dem zuständigen Kreis oder von der kreisfreien Stadt getragen. Die „Leistung zur Hilfe zur Schulbildung“ wird einkommens- und vermögensunabhängig gezahlt und muss beim Sozialamt beantragt werden. (spe)

 

Die Klasse lernt vor allem Gesprächsdisziplin. Denn es kann immer nur ein Sprecher sinnvoll übersetzt werden. „Bitte lauter für das Mikrofon“, mahnt die Lehrerin dann auch schon mal, wenn ein Schüler vergisst, dass in München noch jemand dem Unterricht in Kürten zuhört. Selbst hält sie den Klebestift demonstrativ in die Höhe, mit dem jetzt gearbeitet werden soll. „Wir müssen eben viel visualisieren“, sagt die Sonderpädagogin. 
Sie und viele Mitschüler sind aber längst auch mit der Gebärdensprache vertraut und nehmen ihrerseits Unterricht, um die Kommunikationsbarriere zu überwinden und auch in den Pausen mit Paulina reden zu können. Man habe durch alle Kinder mit einer klassischen Behinderung viel gelernt, sagt der Schulleiter. „Und es ist für die Klasse nie ein Nachteil gewesen, ganz im Gegenteil.“

Dennoch verlangt der Regelschulbesuch viel Einsatz und Kraft, besonders von Paulina und ihrer Familie. Doch der Aufwand lohne sich, ist Paulinas Mutter überzeugt. Gerade behinderte Kinder benötigten eine gute fachliche Ausbildung und ein gesundes Selbstbewusstsein, sagt sie. Beides werde an der Gesamtschule Kürten gefördert. Bettina Willm: „Hier darf Paulina sein, wie sie ist: gehörlos, aber ein normales Mädchen.“

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